SOPHIE HUNGER

21.02.2019
10.SOPHIE HUNGER by Marikel Lahana (Copy) Konzert ohne After Show Party

Veranstaltungsort: Halle

Einlass: 19:00

Beginn: 20:00
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Präsentiert: GIG, Musikexpress, Tonspion, Schall-Magazin, ByteFM, taz und Diffus

 

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Sophie Hunger
An einem Morgen vor einigen Monaten stand Sophie Hunger um vier auf, um
rechtzeitig zum DJ-Set von Paula Temple um fünf im Berliner Technoclub
KitKat zu sein. Sie hätte auch ab Mitternacht durchfeiern können, wie es
die meisten Clubgänger machen, aber sie wollte für Temple einen klaren Kopf
haben. „Ich hatte die Wahl: Die ganze Nacht dort verbringen und morgens tot
sein, oder um fünf hingehen, also bin ich um fünf hingegangen“, sagt sie
und zuckt mit den Schultern. Das ist typisch Hunger: schwer verliebt ins
Nachtleben von Berlin, aber immer noch die pragmatische Schweizerin.

 

Wobei Hunger ihr Leben seit ihrem letzten Album Supermoon von 2015 ziemlich
auf den Kopf gestellt hat. Sie zog nach Berlin, wo sie analoge Synthesizer
und die elektronische Musik entdeckte. Sie tauschte klassische Instrumente
gegen Drum-Computer und Software und entschloss sich, ein komplett
englischsprachiges Album aufzunehmen statt wie bisher Englisch,
Französisch, Deutsch und Schweizerdeutsch zu mischen. „Ich wusste immer,
dass das nicht ganz koscher ist“, sagt sie. „Ich stellte mir ja gerne vor,
mich damit heldenhaft der Tyrannei der anglophonen Popkultur
entgegenzustellen; andererseits wusste ich aber auch, dass ich mich
insgeheim hinter diesem seltsamen Sprachenmix elegant versteckte.“ Unter
Fans, Kritikern und bewundernden Mitmusikern galt sie deshalb bislang als
das am besten gehütete Musikgeheimnis der Schweiz. Dank Molecules werden
sie Hunger nun mit dem Rest der Welt teilen müssen.

 

Ihre Umtriebigkeit wurde Hunger schon in die Wiege gelegt. Die geborene
Bernerin wuchs in Zürich, Bonn und London auf und nahm dabei die Liebe zum
Jazz mit, die ihre Eltern ihr vermittelt hatten. Sie verliebte sich in
Punk, Hip Hop und Folk, wurde Sängerin beim Elektronikkollektiv Superterz
und der Indierockband Fisher und veröffentlichte 2006 ihr Debütalbum
Sketches On Sea. Mit dem Nachfolger Monday’s Ghost kletterte sie 2008 nicht
nur an die Spitze der Schweizer Charts, sondern spielte sich auch in
unzählige europäische Herzen. 2010 trat sie als erste und einzige
Schweizerin überhaupt beim Glastonbury Festival in England auf. Es folgten
1983 (2010), The Danger Of Light (2012) und Supermoon (2015), das in
Deutschland auf Platz 6 der Album-Charts landete. Einen Duettpartner für
Supermoon fand sie in der Manchester-United-Legende Eric Cantona – der sich
als Hunger-Fan nicht lange bitten ließ. Ein anderer Fan lud sie erst
kürzlich auf sein aktuelles Album ein: Steven Wilson schätzte ihren „sexyunheimlichen“
Gesang so sehr, dass er ihn unbedingt auf To The Bone haben
wollte, das in Großbritannien auf Platz drei der Charts stieg.
Hunger ist eine Meisterin, wenn es darum geht, sich das Unerwartete zueigen
zu machen und dabei immer sie selbst zu bleiben. Eine düsterschöne Ballade
mit einem Fußballer einsingen, mit Max Herre beim Bundesvision Song Contest
auftreten, mit einem Stück über David Bowie in der Philharmonie de Paris,
eigensinnige Kolumnen für Den Spiegel und Die Zeit schreiben und nach dem
fünften Album ganz nebenbei eine Karriere als Soundtrack-Komponistin
starten – Sophie Hunger schafft das. „Durch den Erfolg von Zucchini habe
ich einen Fuß in die Tür der Filmmusik bekommen“, sagt sie und meint damit
den französischen Animationsfilm Ma Vie de Courgette von 2016, der für
einen Oscar und einen Golden Globe nominiert war, während ihre Musik dazu
gleich eine ganze Reihe Preise einheimste: Sie gewann den European
Animation Award für den besten Soundtrack, den Prix Lumière als beste
Nachwuchs-Scorerin und war für den Französischen César nominiert. Seit
einigen Jahren arbeitet sie auch an der Musik für Gregory Colbert’s
“Nomadic Museum” in New York, dessen Premiere mit Spannung erwartet wird.

 

Dieser Hintergrund erklärt, warum Hunger sich auch nach ihrer Station in
Berlin nicht neuerfinden musste, um ihre neugefundene Liebe zur
elektronischen Musik in ihren eigenen Kosmos aufzunehmen. Molecules ersetzt
den jazzigen Folk, der sie in eine Reihe mit anderen widerspenstigen
Poetinnen wie Laura Marling und Feist stellte, durch eine Mischung aus
Synthies, Beats und reduzierten Berghain-Nachklängen, die sie selbst
„minimal electronic folk“ nennt. Der Kontrast aus vorsichtiger
Zärtlichkeit und einsamer Düsterkeit, der ihre Musik schon immer ausgemacht
hat, bleibt aber auch im neuen Gewand unverkennbar, genau wie die kleinen
Merkwürdigkeiten, die sich darin festsetzen. Und obwohl Molecules Hungers
persönlichstes Album geworden ist, spricht sie immer noch genauso ungern
über die Dinge, die ihre Songs am besten sagen.

 

„Dieses Album ist etwas heikel für mich“, sagt sie, „weil ich es bisher
vermieden habe so direkt zu schreiben. Aber dann kommt so eine Trennung,
das ist Dekonstruktion, so als würden die Dinge wieder in ihre kleinsten
Teile zerfallen. Da wurde alles ein bisschen labil. Gleichzeitig passierte
etwas ganz Ähnliches auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, wo
Strukturen zerlegt wurden und Institutionen zerfielen, und auf eine
komische Weise muss man so etwas auch noch begrüßen, weil es so vorwärts
geht. Songs wie Let It Come Down oder Elektropolis – eine Hymne an Berlin –
entstanden z.B. aus diesem Gefühl.“ Die Single There Is Still Pain Left
verkörpert die romantische Ebene. „Es geht darum, mit jemandem zusammen zu
sein der depressiv ist, der von Dunkelheit angezogen ist als wäre es eine
Olympische Disziplin, bereit alles andere dafür zu übersehen, also mich.”
An anderer Stelle widmet sich Cou Cou sanft wie ein Wiegenlied einem Thema,
das kaum je in Popsongs zur Sprache kommt: den anderen Menschen, die dabei
übrigbleiben. „Es gab auch zwei kleine Kinder, und als ich gehen musste,
wurde mir klar, dass ich somit Ex-Kinder haben würde. Der Begriff alleine
ist schon easy scheusslich. Ich habe nicht nur den Mann verloren, sondern
auch die Kinder, und das ist eine ganz andere Art von Trennung.“
Dass Hunger ihren Blick mit Molecules nach innen richtet, liegt daran, dass
sie beim Schreiben „isoliert und labil“ war, sagt sie. Sie schrieb und
programmierte die Lieder über einen Sommer in ihrem Home Studio, bevor sie
es gemeinsam mit Dan Carey im Herbst 2017 in London aufnahm. Dabei blieben
die beiden unter sich. Das heißt aber nicht, dass sie dabei die Augen vor
der Welt verschlossen hätte; im Gegenteil. Das trotzig klimpernde She Makes
President ist ihre Reaktion auf einen Bericht, der vor der amerikanischen
Präsidentschaftswahl die Wählerinnen zum Zünglein an der Waage erklärte –
„Und dann wurde Trump gewählt. Der Song sollte die Vision einer weiblich
geprägten Zukunft ausmalen, und dann sorgten die Frauen nicht nur dafür,
dass Trump Präsident wurde, sondern erwiesen sich wieder einmal als
Henkerinnen ihrer eigenen Machtergreifung.“ Tricks, in dem sich CS80-
Synthesizer Hits über einen Krautrock-Beat spannt, ist ähnlich politisch
geprägt. „Nitroglycerin for healing you are in control of people’s
feelings, you push ’em down to help ’em up“, singt sie und zählt auf,
womit sich korrupte Politiker und Geschäftsleute bereichern um schliesslich
zu fragen “What are you gonna do, when your dreams have all come true?”

 

Der metaphorische rote Faden auf Molecules besteht aus dem, was Hunger
„Masse“ nennt – physikalische Stoffe von Insulin über Nitroglyzerin bis
Zelluloid. „Ich wollte ein Vokabular haben, das die materielle Wirklichkeit
meiner Welt widerspiegelt“, erklärt sie. „ Wenn klassische Singer-
Songwriter-Vokabel mal bones, blood and birds waren; müssten das heute
plastic, plutonium und particles sein. Außerdem habe ich viele synthetische
Sounds verwendet, und ich wollte einen Zusammenhang zwischen Text und Musik
schaffen, ohne dass es albern wirkt.“

 

Albern wäre das letzte Wort, das einem zu Sophie Hunger einfällt. Die
ersten bleiben: talentiert, klug und eine Künstlerin, wie wir sie 2018
dringend brauchen. Mit Molecules schickt sie ein Album in die Welt, das
sich dem postfaktischen Zeitalter der Ignoranz mit Trotz und
intellektueller Glaubwürdigkeit entgegenstellt. Pragmatisch, unerwartet und
hellwach.

 

Sophie Hunger „Molecules“ erscheint am 31.08.2018 via Caroline
International/ Universal Music

 



10.SOPHIE HUNGER by Marikel Lahana (Copy)